
Mikronährstoffanalyse
Mikronährstoffanalyse
Warum sie sinnvoll sein kann – und was wirklich gemessen werden sollte
Mikronährstoffe sind keine „Wellness-Zusätze“, sondern zentrale Cofaktoren im Stoffwechsel: Energieproduktion (Mitochondrien), Immunsystem, Nervenfunktion, Entgiftungs- und antioxidative Systeme, Hormonstoffwechsel und Geweberegeneration. Dennoch bleiben Defizite oder Dysbalancen im Alltag häufig unbemerkt – oder werden pauschal „auf Verdacht“ supplementiert.
Eine strukturierte Mikronährstoffanalyse schafft hier Klarheit: Was fehlt wirklich? Was ist nur vorübergehend niedrig? Was ist funktionell relevant? Und vor allem: Was ist die richtige Maßnahme – in welcher Dosis, für welche Dauer und mit welchem Zielwert?
Warum überhaupt Mikronährstoffe messen?
1) Symptome sind oft unspezifisch
Erschöpfung, schlechte Belastbarkeit, Infektanfälligkeit, Schlafprobleme, Konzentrationsstörungen, Muskelkrämpfe, diffuse Schmerzen oder Haarausfall können zahlreiche Ursachen haben. Mikronährstoffdefizite sind dabei selten die einzige Ursache – aber sie sind häufig ein verstärkender Faktor oder ein „limitierender Engpass“ im System.
2) „Mehr einnehmen“ ist nicht automatisch besser
Orthomolekulare Therapie ist dann sinnvoll, wenn sie zielgerichtet ist. Ohne Messung besteht das Risiko von:
- unnötigen Präparaten (Kosten, Komplexität)
- suboptimalen Dosierungen (zu wenig → keine Wirkung; zu viel → unerwünscht)
- Wechselwirkungen (z. B. Zink/Kupfer, Calcium/Magnesium, Eisen/Entzündung)
- falschen Schlussfolgerungen, wenn ein Wert durch Entzündung/Stress verschoben ist
3) Verlaufskontrollen machen Therapie messbar
Ein Vorteil moderner Präventionsmedizin ist die Möglichkeit, Interventionen zu überprüfen: Wird ein Zielwert erreicht? Verbessern sich Entzündungs- oder Stressmarker? Damit wird Therapie steuerbar statt „gefühlt“.
Was wird bei einer Mikronährstoffanalyse typischerweise getestet?
Eine gute Mikronährstoffdiagnostik misst nicht nur „Vitamin D und B12“, sondern berücksichtigt auch Kontextmarker, die erklären, warum ein Wert auffällig ist.
A) Basis: die häufigsten Engpässe
Vitamin D (25-OH-D)
- relevant für Immunmodulation, Knochenstoffwechsel, Muskelfunktion
- Interpretation häufig zusammen mit Calcium (und bei Bedarf Parathormon)
Vitamin D – warum 25-OH nicht immer die ganze Geschichte ist
Der Standardmarker zur Beurteilung des Vitamin-D-Status ist 25-OH-Vitamin D (Speicherform). In der Praxis gibt es jedoch Konstellationen, in denen 25-OH allein nicht die gesamte Versorgungslage abbildet – etwa bei auffälligen Bindungsproteinen, chronischer Entzündung, Leber-/Nierenthemen oder wenn Dosis und Spiegel „nicht zusammenpassen“. In solchen Fällen kann die Bestimmung von freiem 25-OH-Vitamin D zusätzliche Hinweise liefern, weil nur der freie Anteil biologisch direkt verfügbar ist. Für eine medizinisch saubere Einordnung gehören zudem Kontextmarker dazu: Calcium (ggf. ionisiert) und – bei Bedarf – Parathormon (PTH), da diese Achse zeigt, ob Vitamin D im Organismus funktionell auch ankommt. Wichtig: Ziel ist nicht „möglichst hoch“, sondern sicher, wirksam und individuell passend.
Vitamin B12 / Folat
- zentral für Blutbildung, Nervensystem, Methylierung
- bei grenzwertigen Situationen sind funktionelle Marker (z. B. Holo-TC, MMA) oft hilfreicher als „nur Serum-B12“
Vitamin B12 – Holo-TC vor Serum-B12 (und wann MMA sinnvoll ist)
Viele Patienten kennen „Serum-B12“ – dieser Wert kann aber irreführend sein: Er spiegelt nicht immer zuverlässig wider, ob Vitamin B12 funktionell in den Zellen verfügbar ist. Häufig sinnvoller ist Holo-Transcobalamin (Holo-TC), also der Anteil von B12, der tatsächlich an Transportproteine gebunden und bioverfügbar ist. Bei grenzwertigen Befunden oder unklarer Symptomatik (z. B. Müdigkeit, neurologische Beschwerden, Brennen der Zunge, Parästhesien) kann zusätzlich Methylmalonsäure (MMA) als funktioneller Marker helfen, weil MMA bei B12-Unterversorgung ansteigt. Homocystein kann ergänzend zur Einordnung der B-Vitamin-Achse (B12/Folat/B6) beitragen – sollte aber immer im Kontext weiterer Faktoren interpretiert werden.
Eisenstatus (Ferritin + Transferrinsättigung)
- wichtig für Sauerstofftransport, Leistungsfähigkeit, Schilddrüse, Immunsystem
- Ferritin ist auch ein Akutphase-Protein: ohne CRP/Entzündungskontext kann man es falsch interpretieren
Funktioneller Eisenmangel: Ferritin normal – und trotzdem zu wenig Eisen
Der Begriff funktioneller Eisenmangel beschreibt Situationen, in denen zwar Eisen im Körper vorhanden ist, es aber nicht ausreichend für die Erythropoese und/oder zelluläre Prozesse verfügbar ist. Häufig ist die Ursache eine Entzündungs- oder Stresskonstellation mit Hepcidin-Vermittlung: Eisen wird vermehrt in Speicherkompartimenten zurückgehalten, während die Verfügbarkeit im Blut/Gewebe sinkt. Klinisch relevant ist das insbesondere bei Fatigue, reduzierter Belastbarkeit, Restless Legs, Haarausfall oder Belastungsintoleranz. Diagnostisch ist daher die Kombination aus Ferritin + Transferrinsättigung (TSAT) zentral; bei unklaren Fällen kann sTfR (löslicher Transferrinrezeptor)helfen, die Erythropoese-Nachfrage abzubilden. CRP/hsCRP sind essenziell, um Ferritin korrekt zu interpretieren. Therapeutisch bedeutet das: Nicht jeder „niedrige Eisenspiegel“ ist ein reiner Zufuhrmangel – manchmal ist die Entzündungs-/Hepcidinachse der Engpass.
Magnesium / Zink (ggf. Selen)
- Magnesium: neuromuskulär, Energiestoffwechsel, Stressachse
- Zink/Selen: Immunfunktion, Schilddrüse, antioxidative Systeme
Praxispunkt: Ein „Basisprofil“ ist besonders sinnvoll, wenn Beschwerden neu sind, wenn präventiv eine Orientierung gewünscht ist oder wenn man bei Erschöpfung/Infektanfälligkeit die wichtigsten Stellschrauben prüfen möchte.
Selen – Serum-Selen vs. Selenoprotein P
Selen ist zentral für Schilddrüsenstoffwechsel (Dejodasen), antioxidative Systeme (z. B. Glutathionperoxidasen) und Immunfunktionen. Häufig wird Serum-Selen gemessen – das ist hilfreich, kann aber kurzfristig durch Zufuhr und entzündliche Prozesse beeinflusst werden. In bestimmten Konstellationen kann Selenoprotein P zusätzliche Aussagekraft haben, weil es ein wichtiges Transport-/Statusprotein für Selen darstellt und damit eher die funktionelle Versorgung widerspiegeln kann (abhängig vom verwendeten Laborverfahren). Besonders interessant ist das bei komplexen Schilddrüsenthemen, erhöhter oxidativer Belastung, Infektanfälligkeit oder wenn trotz Supplementierung kein plausibler Effekt erkennbar ist. Entscheidend ist eine zielgerichtete Selenstrategie statt pauschaler Hochdosen.
B) Erweitert: Balance & Leistung (funktionell sinnvoll)
Omega-3-Index / Fettsäureprofil
- Membranfunktion, Entzündungsbalance, kardiometabolisches Risiko
- gut therapierbar und ideal für Verlauf (3–4 Monate)
Omega-3-Index & AA/EPA: Von „Ernährung“ zu messbarer Entzündungsbalance
Der Omega-3-Index (EPA+DHA in Erythrozyten) ist ein praxisnaher Marker für die längerfristige Versorgungslage und eignet sich gut für Verlaufskontrollen. Ergänzend liefert das AA/EPA-Verhältnis Hinweise auf die Balance zwischen pro- und antiinflammatorischen Eicosanoid-Vorstufen. Das ist klinisch relevant bei kardiometabolischem Risiko, chronischer Low-grade-Inflammation, Regeneration/Training und teils auch bei neuroinflammatorischen Kontexten. Vorteil: Diese Achse ist in der Regel sehr gut therapierbar und erlaubt eine messbasierte Dosissteuerung, statt „Fischöl nach Gefühl“ einzunehmen.
Funktionelle B-Vitamine (z. B. B1, B6, B2 je nach Labor)
- relevant bei Fatigue, Belastungsintoleranz, neurologischen Symptomen, Sport/Regeneration
- „Serum normal“ bedeutet nicht immer „funktionell optimal“ (Aufnahme/Umwandlung variieren)
Metabolischer Kontext (Glukose/HbA1c ± Insulin)
- nicht „klassisch Mikronährstoff“, aber zentral: metabolische Dysregulation erhöht oxidativen Stress und verändert Mikronährstoffbedarf
Oxidativer Stress / antioxidative Achse (ausgewählte Marker)
- relevant bei chronischer Belastung, Performance-Themen, kardiometabolischem Risiko
- hilft, Interventionen nachvollziehbar zu machen (Lifestyle + gezielte antioxidative Strategie)
C) Premium/Individual: wenn man wirklich differenzieren muss
Hier geht es um komplexe Beschwerden oder hochgradige Prävention/Performance:
- Aminosäurenprofil (Regeneration, Neurotransmitter, Darm/Immunsystem; indikationsbezogen)
- intrazelluläre Mineralstoffe (wenn Serumwerte nicht ausreichen oder stark schwanken)
- erweiterte oxidative Stressmarker
- ggf. Module wie Darmbarriere/Mukosa (z. B. Zonulin/I-FABP) bei passender Symptomatik
Da Mikronährstoffstatus, Entzündungsbalance und metabolische Regulation eng mit kardiovaskulären Risiken verknüpft sind, kann eine erweiterte Diagnostik in ausgewählten Fällen um Lipid- und Genetikmarker ergänzt werden.
Genetik & Lipide: Prävention individueller steuern
In der Präventionsmedizin geht es nicht nur um „Laborwerte in der Norm“, sondern um Risikomuster und deren Modifizierbarkeit. Lipidstoffwechsel und kardiometabolische Risiken werden dabei durch Lebensstil, Entzündung, Insulinresistenz – und in Teilen auch durch genetische Faktoren – beeinflusst. Genetik ersetzt keine Diagnostik, kann aber helfen, Präventionsstrategien präziser zu priorisieren und realistischer zu gestalten.
ApoE: Was es (nicht) ist – und wofür es praktisch nützt
Der ApoE-Genotyp ist kein „Schicksalsurteil“ und keine Diagnose. Er kann jedoch Hinweise geben, wie stark jemand auf bestimmte Ernährungsmuster, Fettqualitäten oder metabolische Belastungen reagiert – und wie konsequent kardiometabolische Prävention priorisiert werden sollte. Praktisch relevant ist ApoE vor allem als Stratifizierungsmarker: Bei bestimmten Genotypen lohnt sich häufig ein besonders klarer Fokus auf LDL/ApoB-orientierte Risikoreduktion, stabile Blutzuckerregulation, Schlaf, Bewegung und Entzündungsmanagement. Wichtig ist dabei eine sachliche Kommunikation: ApoE beschreibt Wahrscheinlichkeiten und Reaktionsmuster, nicht „garantierte Ereignisse“.
Lipidprofil „State of the Art“: Warum ApoB oft wichtiger ist als LDL allein
Für die Abschätzung der atherogenen Last ist nicht nur die LDL-Cholesterinkonzentration relevant, sondern auch die Anzahl atherogener Partikel – hier ist ApoB ein sehr praxisnaher Marker. Zwei Personen können ein ähnliches LDL-Cholesterin haben, aber eine unterschiedliche ApoB-Last (z. B. bei Insulinresistenz, Hypertriglyzeridämie oder Remnant-Partikeln). Ein weiterer Marker, der die Risikoeinschätzung deutlich verändern kann ist das Lipoprotein (a) ( Lp(a) (genetisch geprägt) ), welches bei vielen Präventionskonzepten mindestens einmalig bestimmt wird. In Kombination mit Entzündungs-/Metabolikmarkern (hsCRP, HbA1c/Insulin) lässt sich so ein individueller Risikoprofil-Ansatz ableiten – inklusive klarer Verlaufskontrollen statt „Try & Hope“.
Serum, Vollblut, funktionelle Marker – was ist „State of the Art“?
Die häufigste Fehlannahme lautet: „Ein einzelner Laborwert sagt die Wahrheit.“ In der Realität gilt:
Serumwerte zeigen häufig „Momentaufnahmen“
Serumspiegel können durch die letzte Mahlzeit, Supplemente, Training, Stress, Entzündung und Hydrierung beeinflusst werden. Das ist nicht „schlecht“, aber man muss es wissen – deshalb sind standardisierte Bedingungen (morgens, nüchtern, ohne Supplemente) wichtig.
Vollblut-/Erythrozytenwerte können stabiler sein – je nach Parameter
Einige Parameter sind im Erythrozyten „Gewebe näher“ (z. B. Fettsäuren/Omega-3-Index). Bei Mineralstoffen kann es je nach Labor sinnvoll sein, intrazellulär zu messen, wenn Symptome und Serumwerte nicht zusammenpassen.
Funktionelle Marker sind oft klinisch am aussagekräftigsten
Beispiele:
- B12: Holo-TC/MMA (je nach Setting)
- Eisen: TSAT + (optional) sTfR bei komplexer Lage
- Entzündung: hsCRP kann subtilere Aktivität abbilden als Standard-CRP
Diese Marker helfen zu verstehen, ob ein „normaler“ Wert wirklich ausreichend ist.
Häufige Irrtümer bei Mikronährstoffanalysen
„Wenn alles im Normbereich ist, ist alles optimal.“
Normbereiche sind Referenzen einer Population – keine individuellen Optimalwerte. Zudem können Werte trotz Normbereich funktionell „zu niedrig“ sein (z. B. bei hoher Belastung) oder durch Entzündung verfälscht wirken.
„Ich nehme Supplements, also kann kein Mangel bestehen.“
Die Aufnahme, Umwandlung, Darmgesundheit, genetische Varianten und Medikamenteninteraktionen können dazu führen, dass trotz Einnahme kein ausreichender Spiegel erreicht wird.
„Ein Laborprofil ersetzt Ursachenmedizin.“
Mikronährstoffe sind ein wichtiger Teil – aber nicht die ganze Diagnostik. Bei Warnzeichen oder klaren Verdachtsdiagnosen muss zuerst die Ursache abgeklärt werden.
Wie läuft eine Mikronährstoffanalyse sinnvoll ab?
- Anamnese & Zieldefinition (Beschwerden, Ernährung, Medikamente, Belastung, Ziele)
- Auswahl eines passenden Panels (Basis vs. erweitert vs. individual)
- standardisierte Blutentnahme (idealerweise morgens, nüchtern)
- Befundbesprechung – nicht nur Werte, sondern Muster und Prioritäten
- Therapieplan (Ernährung + Supplementstrategie + ggf. Infusionen)
- Verlaufskontrolle (z. B. nach 8–16 Wochen; Omega-3 eher nach 3–4 Monaten)
Interner Link-Tipp: „Zur optimalen Vorbereitung auf die Blutentnahme“ → Blutentnahme
Für wen ist Mikronährstoffdiagnostik besonders hilfreich?
- chronische Erschöpfung, Belastungsintoleranz, Regenerationsprobleme
- wiederkehrende Infekte / Immunsystem-Themen
- Stressbelastung, Schlafstörungen
- Magen-Darm-Beschwerden, Resorptionsfragen, Unverträglichkeiten
- vegetarisch/vegan oder einseitige Ernährung
- Sport/Performance/Prävention (messbar optimieren statt raten)
- unklare Nährstoffdefizite (z. B. B12, Eisen), die sich nicht durch Zufuhr oder Verluste erklären lassen
Fazit
Eine Mikronährstoffanalyse ist dann besonders wertvoll, wenn sie zielgerichtet, standardisiert und kontextbasiert durchgeführt wird – mit anschließender ärztlicher Interpretation und einem klaren Therapieplan. So wird aus „Supplementen auf Verdacht“ eine medizinisch nachvollziehbare Strategie: messen → verstehen → gezielt optimieren → Verlauf kontrollieren.
Wenn du wissen möchtest, welches Profil (Basis, erweitert oder individuell) zu deiner Situation passt, kannst du einen Termin zur Mikronährstoffanalyse vereinbaren. Du erhältst eine transparente Empfehlung, eine verständliche Befundbesprechung und einen strukturierten Therapieplan.
FAQ
Muss ich nüchtern sein?
Für gute Vergleichbarkeit vieler Werte ist eine Blutentnahme morgens/vormittags nüchtern sinnvoll.
Soll ich Supplemente vorher absetzen?
Oft ja – zumindest am Morgen der Blutentnahme. Das hängt von der Fragestellung ab und wird individuell abgestimmt.
Wie schnell liegen Ergebnisse vor?
Je nach Laborumfang meist innerhalb weniger Tage bis ca. 2 Wochen.
